Wo wächst Kirche?

von Tobias Sauer und Lisa Menzel

Kirche wächst – auch aktuell in Deutschland. Nur eben in Bereichen, die von den Kirchen selbst oft nicht vollwertig als Kirche anerkannt werden.

Das Thema Wachstum wird eher selten mit den Kirchen in Deutschland in Verbindung gebracht. Das Narrativ ist stets: Auf dem afrikanischen Kontinent (ohne weitere Differenzierung) florieren die Kirchen, aber in Europa (ebenfalls ohne weitere Differenzierung) schrumpfen sie nur. Grund genug, sich intensiv mit der Frage nach Verlust, Wachstum und Transformation im Bereich von Kirchenentwicklung zu beschäftigen.

1. Kirche wächst, aber die Sonntagsgemeinde stirbt.

Mit Blick auf die aktuellen Kirchenaustrittszahlen und die Mitgliederentwicklung der letzten Jahre lässt sich bei den großen Kirchen in Deutschland nur schwer von Wachstum sprechen. Ja, beide Kirchen verlieren ihre Mitglieder – teils durch demografischen Wandel, aber eben oft selbst verschuldet. Insgesamt schrumpfen also beide Kirchen. Aber es gibt durch die Kirchenentwicklung der letzten Jahre auch innovative Aufbrüche und Bereiche, die wachsen. Es sollte also eher von einem Wandel die Rede sein. Und wenn Transformationsprozesse im Blick sind, kann auch bei schrumpfenden Kirchenmitgliederzahlen ganz deutlich von einem Wachstumspotenzial von Kirche die Rede sein. Garant für das Wachstum liegt dabei nicht in veränderten Formen, sondern in der Auseinandersetzung mit den eigenen Inhalten, Kompetenzen und Themen.

Doch meist ist die Perspektive stark verengt auf die Gemeinde im Sonntagsgottesdienst und all das, was unmittelbar um den Kirchturm herum passiert. Dabei ist die Sonntagsgemeinde – also die Menschen, die sich sonntags im Gottesdienst zeigen – schon lange nicht mehr der „Kern“ oder die “Mitte” der Gemeinde, sondern nur noch ein sehr geringer Anteil der Kirchenmitglieder: Diese so gerne als „Kerngemeinde“  bezeichnete Gruppe umfasst gerade einmal 3 bis 9 Prozent der Kirchensteuerzahler:innen.

Dieser Blick auf die Sonntagsgemeinde ist nicht verwunderlich: Die protestantische Theologie ist geprägt von dem Gedanken, dass die Gemeinden vor Ort das konstituierende Element von Kirche sind und die katholische Theologie sieht in der Eucharistiefeier „Quell- und Höhepunkt für das Leben“. Gerade mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil sind viele Reformationen des klassischen Sonntagsgottesdienstes einhergegangen. So taucht der theologische Begriff „Gemeinde“ als Bezeichnung für eine Gemeinschaftsform unterhalb oder neben der Pfarrei in der katholischen Theologie erstmals rund um das Zweite Vatikanische Konzil auf. Gemeinde ist dabei die von Martin Luther verwendete Übersetzung für das griechische Wort ekklesia. Im Gegensatz zur Pfarrei, die rechtlich eine territorial gefasste Verwaltungseinheit beschreibt, betont die Gemeinde das Moment des im Bekenntnis und Glauben an Jesus Christus wurzelnden, freien Zusammenschlusses von Personen. Zudem wurde die Gemeinde in der nachkonziliaren Theologie vor allem als spirituelle Seite von Pfarrei etabliert. Dies zeigt sich besonders deutlich im Begriff der „Pfarrgemeinde“, welcher sich bis heute im Sprachgebrauch von Gläubigen wiederfindet, und dem damit verbundenen Aufruf von Ferdinand Klostermann: „Unsere Pfarreien müssen zu Gemeinden werden“. Die Einführung des Gemeindebegriffs und die begriffliche Unschärfe gegenüber Kirche und Pfarrei sorgte dafür, dass der Begriff der Gemeinde in der katholischen Theologie sehr selten einzeln betrachtet worden ist. Der Codex Iuris Canonici  trifft zum Beispiel keine Aussagen über Gemeinde und sieht die Pfarrei als unterste Ordnungseinheit der katholischen Kirche – der Ursprung dafür liegt im Beschluss des Konzils von Trient (1545-1563), welches bestimmt hatte, dass es kein „pfarrloses“ Volk mehr geben dürfe.

Das Problem ist: Anstatt die Gesamtheit der Gläubigen im Blick zu haben, wurde davon ausgegangen, dass in der Pfarrgemeinde alle Gläubigen zusammen kommen. Dazu kam die Konzentration auf Familienkirchen, mit denen ein Großteil der Menschen erreicht werden sollten. Das ist (auch im Hinblick auf die aktuellen Entwicklungen) ein Trugschluss. Denn die Realität ist: Es nehmen immer weniger Menschen an einem Angebot teil, als sich insgesamt dafür interessieren.

Momentan gibt es keinen Grund dazu, anzunehmen, dass eine territoriale Struktur, die sich vorwiegend auf den Sonntagsgottesdienst stützt, noch lange Bestand haben wird. Da hilft es auch nicht, als Zielgruppe für ein neues Angebot mehr von denen zu suchen, die sowieso schon da sind – nämlich die, die sonntags in den Gottesdienst kommen – und davon Lookalikes zu bilden. Das Konzept „jede:r bringt beim nächsten Mal eine:n Freund:in mit“ funktioniert nur bedingt.

Vielmehr erscheinen die bestehenden Strukturen gesättigt – in Bezug auf Kontaktflächen, Veranstaltungsformate und Formen der Vergemeinschaftung: Diejenigen, die Interesse haben, sind da; und diejenigen, die nicht da sind, interessiert es nicht – und das wahrscheinlich, obwohl sie ganz genau wissen, dass es das Angebot gibt. Denn für diejenigen, die da sind, passt Zeit, Form, Ort, Person und Thema. Und nur weil etwas Neues dazukommt, die Musik ausgetauscht oder die Anfangszeit verschoben wird, kommen wahrscheinlich nicht mehr oder andere Menschen. Es weiß ja niemand, dass etwas neu oder anders ist. Und es kommen auch nicht mehr diejenigen, die vorher da waren: Vielleicht passt ihnen das neue Thema, der neue Ort oder die neue Zeit nicht mehr. Dann wurde zwar enorm viel Kraft investiert, um ein Angebot durch ein neues, innovatives Konzept zu verbessern, aber insgesamt mehr verloren als gewonnen.

Den Sonntagsgottesdienst von Grund auf neu zu denken kann zwar auch dazu führen, dass andere Menschen kommen. Und es ist schön, wenn es vereinzelt tatsächlich gut funktioniert. Aber das ist auf die Fläche gesehen eben nicht der Fall.

Fakt ist: Die Sonntagsgemeinde stirbt – auch demografisch bedingt, weil sie kaum eine Chance hat, in der jetzigen Konzeption zu wachsen. Das bedeutet aber nicht, dass diese Strukturen aktiv abgeschafft werden müssen. Niemand möchte irgendwem „wegnehmen“, wo sich einzelne beheimatet fühlt. Vielmehr geht es darum, in der Krise die Lage realistisch einzuschätzen und sinnvoll zu entscheiden, wo in Zukunft (besser) Zeit und Energie investiert werden soll, damit Kirche insgesamt doch langfristig wächst. Auch müssen weder die Gemeinde als konstituierendes Element von Kirche noch die Eucharistiefeier als Mittelpunkt negiert werden. Es bedarf aber einer ehrlichen Neukonzeption, die nicht das Bestehende covert, sondern von ihrem Inhalt her die christliche Botschaft so ins Gespräch bringt, dass Gemeinschaft entstehen kann.

2. Kirche wächst, wo sie ihre Kompetenzen zur Verfügung stellt.

Kirche schrumpft und Kirche wächst, auch ganz aktuell, denn Kirche verändert sich. Und auch wenn es die sogenannten „Volkskirchen“ dem Wortsinn nach längst nicht mehr gibt, bedeutet das nicht, dass ihre Themen irrelevant werden. Nur wenn die Kirchen in allen Bereichen kleiner werden, bedeutet das, dass Kirche stirbt. Sobald aber bewiesen werden kann, dass Kirche auch wächst, muss zumindest von einer transformierenden Kirche die Rede sein. Und wenn diese Transformation als Prozess auch anerkannt wird, kann Kirche überleben und wachsen. Wenn es aber in einer digitalisierten Welt darum geht, die eigenen Kompetenzen der Gesellschaft zur Verfügung zu stellen, kann Kirche nicht mehr allein auf Sozialisation, kulturelle Verankerung und bestehende Infrastruktur setzen. Anstatt nicht mehr haltbare Strukturen zu retten, muss Kirche ihre Transformation endlich als die Chance wahrnehmen, die sie ist.

Klassischerweise hat die Kirche in Europa den Beziehungsvorsprung: Die meisten Firmlinge/Konfirmand:innen sind der Kirchengemeinde bekannt, weil sie in den kirchlichen Kindergarten gegangen sind, weil sie die Pfarrperson aus dem Religionsunterricht kennen, die Pfarrperson ihre Großmutter beerdigt hat oder weil ein näher oder ferner Verwandte im Pfarrgemeinderat/Kirchenvorstand/Presbyterium aktiv ist – eine klassische kirchliche Sozialisation. Anders ist das bei den Firmlingen/Konfirmand:innen selbst: Die meisten haben vorher keinen (engen) Bezug zur Kirche.

Das wird umgekehrt bei Kommunikation in einer digitalisierten Gesellschaft: Dort hat Erfolg, wer seine Kompetenzen zunächst vorbehaltlos anderen zur Verfügung stellt und deren Bedürfnisse ernst nimmt. Menschen suchen im Internet nicht Angebote, die ihnen ihre Probleme lösen, sondern direkt nach Problemlösungen. Wer zum Essen guten Wein trinken will, sucht im Internet in der Regel keinen Sommelier, der eine Beratung anbietet, sondern eher eine Übersicht „5 Weine, um heute Abend anzugeben“ – am besten direkt mit den passenden Links zum Bestellen. Und wer Beziehungsprobleme hat, sucht im Internet nicht nach einer Paarberatung, sondern eher nach einem Artikel „Woran du merkst, dass dein:e Partner:in fremd geht“.

Diese Art des Beziehungsaufbaus passiert massenhaft in den sozialen Netzwerken: Creator:innen teilen ihre Gedanken und Positionen. Damit machen sie ihre Kompetenzen verfügbar – ohne genau zu wissen, wer das eigentlich konsumiert. Andere Menschen folgen den Creator:innen, weil ihnen die Themen und Kompetenzen zusagen, von denen sie erfahren haben. Die Follower:innen bleiben anonym, bis sie sich bewusst dazu entscheiden, aus dieser Anonymität herauszutreten – bei einem physischen Zusammentreffen, bei einer digitalen Konferenz oder in einer Direktnachricht auf Instagram passieren. Und dann muss es nicht um Smalltalk und Kennenlernen gehen, sondern direkt um die zuvor angesprochenen Themen, für die sich beide interessieren. Wenn sich Creator:innen und Follower:innen zum ersten Mal begegnen, dann kennen die Follower:innen zwar die Creator:innen, aber umgekehrt ist das ganz und gar nicht der Fall.

Auch für die Kirchen ist es zunehmend wichtig, als Teil einer digitalisierten Welt die eigenen Kompetenzen zu profilieren und in die Anonymität hineinzuarbeiten – anstatt darauf zu warten, dass Beziehungen zu fremden Personen entstehen, auf die weiter aufgebaut werden kann. Dafür müssen die Kirchen zunächst lernen und akzeptieren, dass sie erstmal nur anonym wachsen können – und das vor allem außerhalb bekannter Strukturen. Die Kirchen werden zunehmend mit Menschen zu tun haben, von denen sie noch gar nichts wissen. Und der Kontaktpunkt, an dem diese Menschen sichtbar werden, verschiebt sich mehr und mehr nach hinten.

3. Kirche wächst, wenn sie in die Fremde geht.

Kirche ist „Sakrament und Werkzeug für die Errichtung des Reich Gottes“. Sie ist als Sakrament also nicht nur von Gott gestiftet, sondern als Zeichen und Werkzeug auch Instrument, um die Welt nach und nach besser zu machen. Indem Menschen darin unterstützt werden, an der Errichtung des Reich Gottes mitzuarbeiten, wächst Kirche. Indem sie erkennen, dass es sich lohnt, die Welt zu einem besseren Ort zu machen und dass die Frage nach dem Mehr im Glauben sie handlungsfähiger macht – und es nicht wie bei den Toten Hosen heißt: „Ich will nicht ins Paradies, wenn der Weg dahin so schwierig ist.“ Doch wie können diese Kompetenzen der Gesellschaft zur Verfügung gestellt werden?

Wer die griechische Wortbedeutung von „Parochie“ ernst nimmt, entdeckt, wo Kirche aktuell wächst: An Orten, die zwar von der Grundhaltung her christlich, aber in der Fremde verordnet sind. Ein grundlegendes Problem ist allerdings, dass Kirche solchen Initiativen und Bewegungen abgesprochen hat, Kirche zu sein, weil sie in der Vergangenheit stets darauf bedacht war, alles Kirchliche innerhalb der bestehenden Strukturen zu verorten. Und aus der Parochie ist eine bürokratisierte Organisationseinheit geworden – letztlich das Gegenteil von einem “Aufenthalt in der Fremde”.

Dabei gibt es große politische oder gesellschaftliche Bewegungen, die geprägt sind von ihrer Art und Weise, den christlichen Glauben praktisch auszuleben. Sie zeigen, wie eine Welt aussieht, die christlich gestaltet ist. Das ist etwa diakonisches/caritatives Engagement oder auch das Bündnis United4Rescue. Solche Initiativen und Bewegungen wachsen – und mit ihnen Kirche. Auch #digitalekirche wächst – zumindest wachsen die Accounts alle: Accounts von pastoralen Mitarbeitenden, Pfarrpersonen, Vikar:innen und anderen Christ:innen, die in den sozialen Netzwerken engagiert sind und dort ihren Glauben teilen. Und es gibt eine große Menge an Menschen, die sich zugehörig fühlen – das ist eine Zielgruppe, die sonst von Kirche eher nicht erschlossen wird. Wie das geht?

Indem Marco Michalzik (@mmichalzik) als Spoken Word-Künstler Worte findet und damit auch anderen aus der Seele spricht, ermöglicht er anderen, Worte für ihre eigene christliche Spiritualität zu finden. Auch Kathi Mutzbauer (@koerper.poesie) findet mit ihrem Instagram-Account und der Webseite yogahimmelwaerts.de eine Sprache, die ihrer christlichen Spiritualität Ausdruck verleiht: das Körpergebet. Damit spricht sie ebenfalls diejenigen an, die sich schwer damit tun, ihrem Glauben Ausdruck zu verleihen.

Die Stärke von Josephine Teske (@seligkeitsdinge_) ist ohne Zweifel das große Vertrauen, das sie zu ihrer Community aufgebaut hat, indem sie einen großen Vertrauensvorschuss in die Anonymität hinein gibt: Sie zeigt ihre eigene Verletzbarkeit, erzählt über ihr Leben als Pastorin der Nordkirche und alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. Weil ihre Follower*innen so das Gefühl haben, sie zu kennen, vertrauen sie ihr, wenden sich persönlich an sie oder feiern ihre wöchentlichen Andachten mit. In der Fastenzeit feierten täglich um die 3000 Menschen mit durchschnittlich 7 ½ Minuten Aufenthalt auf ihrer Webseite seligkeitsdinge.de Andacht – eine bemerkenswerte Zahl.

Der Kanal @eswarnichtimmereinfach erzählt in Kombination mit Instagrammable Illustrationen demythifizierende Heiligengeschichten, die die Zweifel, Probleme und Herausforderungen der Heiligen in den Vordergrund stellen. Damit bieten sie den Follower:innen nicht nur Identifikationsflächen, sondern auch Vorbilder im Glauben an, die nicht abgehoben, sondern authentisch wirken.

Authentizität ist auch das relevante Stichwort bei secta.fm, dem Podcast über sogenannte Sekten und neureligiöse Bewegungen. Host Fabian Maysenhölder ist evangelischer Pfarrer, arbeitet aber auch als Journalist. Sich immer der Subjektivität seiner eigenen Perspektive bewusst betrachtet er Randphänomene von Kirche und anderen Glaubensgemeinschaften, macht aber auch vor der eigenen Institution nicht Halt. Letztendlich beschäftigt er sich immer wieder mit der Frage, wann Glaube und Religionsgemeinschaften konstruktiv oder dekonstruktiv sind – eigentlich mit einer systematisch-theologischen Herangehensweise, aber offensichtlich auch authentisch und nahbar für Menschen, die bisher nicht mit Kirche in Kontakt sind.

Die Creator:innen zeigen also ihre Kompetenzen und schaffen Vertrauen, indem sie ihre eigene Freude und Hoffnung, Trauer und Angst zeigen, authentische Vorbilder mit ihrem Glauben und Zweifel sind und ernsthaft versuchen, eine eigene Sprache zu entwickeln. Damit ermutigen und unterstützen sie auch andere dabei, ihrem Glauben Ausdruck zu verleihen.

4. Kirche darf ihr Wachstum nicht ignorieren.

Zunehmend scharen sich Menschen um Initiativen und Bewegungen außerhalb bestehender kirchlicher Strukturen, die eine christliche Grundhaltung teilen und aktiv am Reich Gottes mitbauen wollen – auch wenn sie das vielleicht anders nennen. Aber das Kirche-Sein wird ihnen immer wieder abgesprochen. Das ist eine schwierige Entwicklung.

Einer der großen Innovations-Hemmer bei Kirchenentwicklung ist, dass die Entscheidungsträger:innen meistens Menschen sind, die ihren Platz bei Kirche schon gefunden haben. Diese müssen über Innovationen entscheiden, die sie schon aufgrund der Konzeption gar nicht gut finden können, da sie explizit nicht zur Zielgruppe gehören.

Denn obwohl Kirche in diesen Bereichen nachweislich wächst, werden die wachsenden Strukturen ignoriert und zum Großteil weiter in nicht wachsende Strukturen investiert. Und das, obwohl es genug Beispiele gibt, dass Kirche auch heute noch wächst.

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